Kagel: Improvisation ajoutée

Mauricio Kagel: Improvisation ajoutée. Orgelwerke. Wergo 73452. Dominik Susteck, Orgel

Sustecks Neuaufnahme von „Improvisation ajoutée“: Gewiss wäre die Orgel in der Kunst-Station Sankt Peter, wenn Kagel sie denn gekannt hätte, ein auch ihm geeignet erscheinendes Instrument gewesen, das Stück aufzuführen. Die Präsenz als „Kunst-Station“ wäre paradoxerweise einer Aufführung im Jahr 62′ aber eher hinderlich gewesen, hat der Geist des Hauses doch die Tür, gegen die Kagel Einlass begehrend klopft, bereits aufgemacht; in dieser Kirche kann das Stück nicht solches Erstaunen, respektive solchen Ärger evozieren, dafür ist man hier unerwartete, dissonante und ungehorsame Klänge zu sehr gewöhnt.

Kagel - Improvisation ajoutée

Wie kann man eine auch im Jahr 2016 modern wirkende Version hervorbringen? Man hat ja hier eine Orgel, die klanglich alles unterstützt, was Kagel sich seinerzeit gewünscht hatte, genauer: Diese Orgel bietet sogar noch mehr. Nur gibt es für sie keine spezielle Fassung, man muss sich mit dem begnügen, was Kagel uns hinterlassen hat: Ein Heft mit Noten. Die Frage stellt sich: Hätte er das Stück eventuell in Bekanntschaft mit dem Kölner Instrument noch einmal überdacht, vielleicht sogar geändert. Obwohl die Frage obsolet ist, beantworte ich sie mit: Nein. In der Uraufführungsversion mit Welin und Mitstreitern wirkt das Stück „orgeliger“ und somit plumper, die Klänge der Assistenten heben sich mehr vom Spiel des Organisten ab, erscheinen fremder, so, als ob „die alten Mauern noch stehen“ und angegriffen werden.

Susteck macht nicht den Fehler, die Möglichkeiten seines Instruments voll und im Sinne von „special effects“ einzusetzen; freilich nutzt er die ihm zur Verfügung stehende einzigartige Klangwelt ausgiebig, dass sofort klar wird, wo diese Aufnahme herstammt. Indes wirkt dies nie aufgesetzt, auch nicht an den grell klingenden Stellen. Die Instrumentation der Kölner Version wirkt in der Kommunikation dichter, die Protagonisten rücken enger zusammen, das Gefüge der Klangpolyphonie reagiert flexibler; die Erregung wirkt erschreckender – und hier sind wir am Punkt der Lösung: Mit modernen Mitteln der Kommunikation erleben wir die Welt intensiver und unmittelbarer, unsere durch „Twitter“ und andere abgestumpften Nerven werden feinfühlig in Richtung Schmerz angeregt, aber eben nicht im Sinne oberflächlicher Adrenalinsucht, sondern als Aufmerken bei der Wahrnehmung echter menschlicher Rufe und Schreie.

Hier bleibt „Improvisation ajoutee“ nach mehr als einem halben Jahrhundert das, was es, auch nach dem Willen seines Komponisten, sein soll: Ein Stück zeitgenössischer Orgelmusik.

Michael Hoeldke