St. Ida Herzfeld

Was gibt es schöneres als eine neue Orgel seiner eigentlichen Bestimmung zuzuführen! Dieses Glück hatte ich im November 2002 mit dem Dienstantritt als Kantor und Organist an der später zur Basilica minor erhobenen Wallfahrtskirche St. Ida in Herzfeld. Am Hochfest Winter-Ida, dem Jahrestag der Heiligsprechung Idas (26.11.980), wurde das vom Herzfelder Dekanatskantoren Johannes Tusch disponierte und in der Entstehung begleitete Orgelbauprojekt feierlich eingeweiht. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es über viele Jahre der Gesamtrenovierung des Kirchengebäudes nur eine kleine Digitalorgel, die ihre Lautsprecheranlage hinter den stummen Prospektpfeifen versteckt hatte. Zuvor gab es eine Multiplexorgel, die hinter dem Pfeifenprospekt ihren Aufbau fand. Nun war erstmals ein neues Instrument durch die Orgelbaufirma Sauer aus Höxter geschaffen worden. In dem zweigeteilten Prospekt aus dem Jahr des Kirchbaus (1903) wurde eine Orgel mit 47 Registern verteilt auf 3 Manuale und Pedal und einer elektrischen Spiel- und Registertraktur konzipiert. Durch den schlauchförmigen Aufbau der Orgelempore zwischen den geteilten Prospekten war allen schon damals klar, dass dies nicht Ort für eine gute Choraufstellung sein konnte, erst recht nicht, wenn man noch mit Instrumentalisten wie dem Bläser- oder Streicherensemble an St. Ida zusammen musizieren können möchte – der Raum war einfach zu eng.

Die Walker-Chororgel aus dem Jahr 1886 / 2012

So reifte damals schon die Idee der Installation einer Chororgel, mit der den Chören eine adäquate Begleitung zur Verfügung gestellt werden kann, die aber letztlich auch mit der großen Sauer-Orgel spieltechnisch verbunden sein sollte, deshalb entschloss man sich u.a. auch für eine elektrische Spiel- und Registertraktur.

ZentralspieltischAls mit der 1886 für die Pfarrkirche St. Michael in englischen Eastington (circa 75 km westlich von Oxford) gebauten historisch-englischen Chororgel (Opus 1221) der Orgelbaufirma Joseph William Walker aus London die große Sauer-Orgel ein kleine Schwester bekam, war ein weiterer Meilenstein in der Entstehung bis zur heutigen Orgelanlage bewältigt. Orgelbauer Burkhard Klimke aus Holzwickede wurde 2011 mit dem Aufbau dieser Chororgel beauftragt. Es ist ihm mit dieser Walker-Orgel gelungen, ein beeindruckendes englisches Orgelwerk mit 12 Registern verteilt auf zwei Manuale und Pedal für Liturgie und Konzert verfügbar zu machen. Die Einweihung der Orgel fand am 1. April 2012 (Palmsonntag) statt. Für die heimischen und auch für die Pilger- und Gastchöre stellt dieses Instrument eine wahrhaftige Bereicherung dar. Auch für die musikalische Einbindung von Kindern und Jugendlichen in die Liturgie erfährt man entscheidende, neue Möglichkeiten.

Der fahrbare Zentralspieltisch

Nun stand mit der Konzeption eines Zentralspieltisches die dritte Planungs- und Bauphase an. Nach vielen Telefonaten und persönlichen Besuchen zahlreicher Orgelanlagen mit einem Zentralspieltisch fiel letztendlich die Wahl auf Orgelbauer Thomas Gaida aus Wemmetsweiler im Saarland. Seine individuelle Konzeptionsbereitschaft und die Freude an der Umsetzung neuer technischer Möglichkeiten machten ihn zu einem idealen Partner bei der Verwirklichung unserer Ideen. Ausschlaggebend waren die vielfältigen Möglichkeiten der Gaida-Konzeption von Spieltischen, die letztlich auf dem Prinzip der freien Ladenzuordnungen auf die einzelnen Manuale und das Pedal gekennzeichnet ist. In Kombination mit einer Tasteransteuerung der Register und Koppeln sowie einer logischen Transposeransteuerung einzelner Windladen ergibt sich ein hohes Maß an Flexibilität und Klangvielfalt; hat man sich erst einmal in diese Logik eingedacht sind sehr reizvolle Klangtranspositionen wie z.B. ein 10 2/3´ Zungenregister – aus einem 16´ Zungenregister – möglich. Zusätzliche Funktionen wie ein geteiltes Pedal (Pedaldevide), bei dem man in der unteren Oktave die Pedalstimme mit dem linken Fuß und mit dem rechten Fuß dann einen Cantus firmus heruntergekoppelt aus einer anderen Windlade (Werk) spielen kann, schaffen neue Möglichkeiten. Zu Gute kommt dem System hier auch, dass die Sauer-Orgel Transmissionsladen besitzt, so dass ein Gambenchor und eine Zungenbatterie als Auxiliarwerk angespielt werden können.

St. Ida Zentralspieltisch

Weitere Funktionen wie eine Pizzicato-Schaltung, die beim Drücken einer Taste das Pfeifenventil nur kurz öffnet, bringen in Kombination mit einer Ankopplung an eine andere Lade besondere Effekte (z.B. 8´ aus Schwellwerk und 1´ aus dem Positiv mit Pizzicato-Effekt). Ebenso gibt es auch die umgekehrte Möglichkeit einer Sostenuto-Anwahl für jedes Manual – so kann schnell und einfach ein gehaltene Klangteppich oder Orgelpunkt erzeugt werden, über den dann improvisiert werden kann; schlägt man andere Tasten auf dem Sostenuto-Manual an, so wechselt das Sostenuto auf den neuen Klang.

Ein in der Registerauswahl frei setzbarer Sfz-Piston ermöglicht ein kurzes, paukenschlag-ähnliches Tutti. Zudem sind drei Crescendo-Varianten frei programmierbar. Eine Registerfessel ermöglicht die Vorbereitung der Klangfarbenveränderung z.B. während des Spielens einer Liedstrophe – für das liturgische Orgelspiel eine sehr gute und flexible Arbeitserleichterung. Zum Setzen von Kombinationen während der Liturgie gibt es auch eine Tacet-Funktion, sowohl für die Chororgel als auch für die Hauptorgel, so dass keine unnötigen Registeranschaltungen im Kirchenraum zu hören sind. Die großen Vorwärts-Taster mit jeweils drei Druckpunkten ermöglich ein souveränes Schalten der Setzeranlage, wobei anzumerken ist, dass die volle Funktionstüchtigkeit der Orgel inklusive der Setzeranlage sofort mit dem Anschalten des Motors gewährleistet ist.

Weitere technische Möglichkeiten wie z.B. die 32´-Schaltung des „Registers“ Ida pro nobis wurden als klangliche Ergänzung ebenfalls genutzt und einprogrammiert. Als Ergänzung wurden zwei Pistons angebracht mit denen man in Verbindung mit einem AirTurn-BT-105-Bluetooth-PageTurner ein Seitenblättern auf einem Tablet veranlassen kann – eine Erleichterung, wenn man zum Beispiel gerne von einem iPad o.ä. aus Noten abspielen möchte. Auch das Abrufen einer programmierten Abfolge einer Lichtsteuerungsanlage sowie das Weiterschalten einer Beamer-Präsentation sind hiermit möglich, was natürlich für beispielsweise ein Improvisationskonzert tolle und ganz neue, kreative Möglichkeiten zulässt. Für die zwei Schwellwerke, den Crescendo-Tritt und die stufenlose MIDI-Lautstärkenanpassung stehen vier Tritte zur Verfügung, die in ihrer Funktion (z.B. auch die Synchronisierung beider Schwellwerke auf einen der Tritte) veränderbar sind. Ebenso kann das gesamte Pedal je nach Wunsch so verschoben werden, dass sich Gäste, die eine andere Position (C unter C / D unter D / etc.) bevorzugen, sofort am Spieltisch wohlfühlen. Das Prinzip des Dransetzens und Wohlfühlens hat sich Thomas Gaida besonders auf die Fahne geschrieben – die Tastenmechanik ist aufgrund des sehr langen Tastenhebels extrem angenehm zu spielen und absolut konstant im Anspiel. Dank der Midifizierung der vier Manuale und des Pedal ist eine Ansteuerung durch MIDI-Signale an midifähige Endgeräte wie Keyboards oder Synthesizer möglich. Dazu können auch vorhandene Lautsprecher hinter dem Prospekt weiter genutzt werden.

Flexibilität und Bedienbarkeit

Der fahrbare Zentralspieltisch steht standardmäßig in der Nähe der historisch-englischen Walker-Orgel von 1886 im südlichen Querschiff der Basilika, ist aber auch – dann akustisch zwischen den beiden Orgeln – bis vor den Zelebrationsaltar und auch an jede andere Stelle in der Basilika leichtgängig und somit von nur einer Person schiebbar. In Kombination von beiden Orgeln mit der digitalen Klangwelt ist ein hohes Maß an Flexibilität im praktischen Einsatz für die Liturgie und für das Konzert gewährleistet. Dass aber sowohl auf den digitalen und technischen Aspekt wie auch auf den Bereich des klassischen Orgelbaus wert gelegt wird, zeigt der momentane Einbau einer voll ausgebauten überblasenen Doppelflöte aus Metall, die in der Chororgel installiert wird und die gesamte Orgelanlage noch einmal klanglich stark bereichern wird.

Insgesamt sind wir nach dem Prinzip „Neues wagen – Tradition wahren“ Stück für Stück vorgegangen. Dank der Innovationsfreudigkeit von Orgelbauer Thomas Gaida konnten unsere Vorstellungen von einem nachhaltigen Ausbau der Orgelanlage mit Blick auch auf zukünftige Entwicklungen im digitalen Sektor hin verwirklicht werden.

Jörg Bücker

www.sankt-ida.de
www.basilikamusik.info