St. Josef Bonn-Beuel

Die neogotische Pfarrkirche St. Josef in Beuel wurde 1903 fertiggestellt und erhielt eine im spätromantischen Stil erbaute Orgel der Firma Klais mit 26 Registern. Nachdem diese durch Kriegsschäden und allgemeine Abnutzung in den 1950er Jahren reparaturbedürftig wurde, erhielt das Instrument eine Dispositionsänderung im Sinne des Neobarock. Diese Reparatur konnte allerdings nicht verhindern, dass alsbald zahlreiche Störungen auftraten und die Orgel sogar ihren Dienst gänzlich versagte. Es war allgemeiner Konsens, dass ein Neubau nötig war, wegen anderer Baumaßnahmen in der Kirche musste dieses Vorhaben allerdings zurückgestellt werden. 1977 bot die deutschsprachige Evangelische Gemeinde in La-Chaux-de-Fonds (Schweiz) eine Kuhn-Orgel von 1882 mit 20 Registern zum Verkauf an. Diese wurde von ehrenamtlichen Kräften aus Beuel abgebaut und diente als Grundstock für den Orgelneubau. Der damalige Organist Hans Peter Reiners entwickelte in Zusammenarbeit mit der Firma Oberlinger eine Disposition im Stile der Orgeln von Aristide Cavaillé-Coll, was zur damaligen Zeit ein wirkliches Novum in Deutschland darstellte. Im Mai 1981 konnte nun endlich die neue Oberlinger – Orgel eingeweiht werden. In der ersten Konzertserie spielten u.a. Daniel Roth, Pierre Cochereau und Jean Langlais. Die französische Orgelmusik bildet bis heute den Schwerpunkt im Konzertleben von St. Josef; am 06. November 2016 wird das 600. Orgelkonzert mit einem großen Orgelmarathon ab 15.00 Uhr gefeiert werden.

Da die Orgel mit ihren 61 Registern einen großen Raum auf der Empore einnimmt, bleibt leider nur wenig Platz für ein Chor, geschweige denn ein Orchester. So entstanden Überlegungen zum Bau einer Chororgel samt Generalspieltisch für beide Orgeln. Dies wurde 2014 – 2015 durch die Firma Thomas Gaida aus dem saarländischen Wemmetsweiler realisiert. Die Chororgel fand hinter dem Hochaltar Platz und steht komplett im Schwellkasten.
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Der neue mobile Spieltisch mit 4 Manualen :
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Die Register der Oberlinger -Orgel:
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Die Register der Gaida – Chororgel:
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Etwas ungewöhnlich ist die Verwendung von Manualanstellern statt Koppeln. Dadurch kann jede Windlade auf jedem Manual in Normallage, aber auch eine Oktave tiefer oder höher erklingen; im Pedal ist jede Lade in Normallage, eine Oktave höher und auch zwei Oktaven höher spielbar. Dadurch ergibt sich eine enorme Fülle von Möglichkeiten.

Daneben ist es möglich, sowohl die ganzen Orgeln als auch jede Windlade separat chromatisch bis zu eine Oktave nach unten oder oben zu transponieren. Die Transposition der ganzen Orgeln ist häufig im Gottesdienst sehr nützlich; mit der einzelnen Transposition lassen sich neue Aliquotmischungen herstellen, z.B. kann aus einem 1 1/3´ eine Septime 1 1/7´werden, aus einem 1´ wird ein None 8/9´ etc. Für orchestrale Effekte oder glockenartige Klänge ist jede Lade pizzicato spielbar, d.h., der Ton erklingt nur ganz kurz; reizvoll ist die gleichzeitige Verwendung von pizzicato und arco. Des weiteren gibt es eine Pedalteilung, so dass links und rechts des Teilungspunktes zwei verschiedene Registrierungen erklingen.

Das bereits als „Tastenfessel“ bekannte Sostenuto ist auf allen Manualen und im Pedal aktivierbar, es besteht die Möglichkeit, Töne zu einem gehaltenen Klang hinzuzufügen.

Wie eine Kombination wirkt das „Sforzando“, das für die Dauer des Trittes eine plötzlich laute Registrierung hervorbringt. Streßfreies Umregistrieren von Hand gewährleistet die Registerfessel. Als kleine Referenz an Cavaillé-Coll ist im Pedal der „Effet d´orage“ vertreten, der auf dem großen Cis einen Cluster produziert. Als nächster Schritt ist der Anschluss von Synthesizer und anderen Midi-Geräten geplant, damit Pfeifenklänge und elektronisch erzeugte Klänge gleichzeitig gespielt werden können. Nicht zuletzt kann der Organist am mobilen Spieltisch direkt hören, wie die Orgel im Raum klingt, auch die vielen Organisten wohlbekannte Rückmeldung nach dem Gottesdienst, dass „die Orgel zu laut“ gewesen sei, gehört nun der Vergangenheit an!

Michael Bottenhorn

 

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